Presse: „Viel mehr als nur Einkaufen“

Badische Neuesten Nachrichten am 10. Juli 2010

Architekten diskutieren über die künftigen Funktionen der Innenstadt

Von unserem Redaktionsmitglied Susanne Jock

„Autogerecht“ sollte die Innenstadt einst sein, ab den 70er Jahren waren reine Fußgängerzonen das Allheilmittel, in den 90er Jahren zogen die Malls ins Zentrum: Die Innenstädte wandeln sich – und stehen wieder vor großen Veränderungen, erwartet Architekt Peter Penner. Weg von der aktuellen Monostruktur, der reinen Konzentration auf Einkaufsangebote, führe der Weg,ist der sich mit seinen Kollegen Klaus Fehrenbach und Hubert Baumstark einig. Welche Funktionen eine City künftig haben muss, um weiterhin belebt zu sein und was die Städte dafür tun können, ist Thema der „Architekturzeit“ am kommenden Freitag. Organisiert wird die Podiumsdiskussion vom Arbeitskreis „amPuls“ der Architektenkammer Karlsruhe-Stadt.

Leer stehende Läden, Verdrängung des lokalen Einzelhandels durch Ketten und Abwanderung der Kaufkraft durch Einkäufe im Internet prägten vielerorts bereits die Citys, führt Penner aus. In Karlsruhe komme der gewaltige Wandel durch die Kombilösung hinzu – die aber auch große Chancen berge, Neues für die Kaiserstraße anzustoßen, meint Klaus Fehrenbach. Dass über den Geschäften beispielsweise verstärkt Wohnungen statt Lager entstehen und vielleicht auch studentisches Leben mitten in der Stadt Einzug hält, sei eine Vorstellung, die man planerisch verfolgen sollte, fügt Hubert Baumstark hinzu. Zum neuen Mix, der die Innenstadt auch nach Ladenschluss belebt, gehören auch Gastronomiebetriebe, Hotels, Büros und Dienstleister, sofern diese nicht frühzeitig Feierabend haben, so die Architekten. Die Stadt sei nun gefordert, Strategien für die Durchmischung zu entwickeln, diese beispielsweise durch Wirtschaftsförderung, Wohnungs- und Bauplanung zu stützen und die entsprechende Infrastruktur zu schaffen.

Das dies funktioniert, zeige sich beispielsweise am Kirchplatz von St. Stephan. Lange diskutiert, sei hier nun – unter dem Druck, eine Brücke zwischen Kaiserstraße und ECE-Center zu schlagen – dank Spielplatz und Gastronomie ein belebter Platz entstanden. Auch die südliche Waldstraße sei ein Beispiel für eine positive Entwicklung und „viel mehr als nur Einkaufen“, findet Baumstark.

Eine Rolle spiele dort auch, dass alle Verkehrsteilnehmer weitgehende gleichberechtigt den Raum nutzen, erklärt Penner. Solchen so genannten „Shared Spaces“-Konzepten, die im anderen Städten teilweise schon umgesetzt sind, werde künftig noch sehr viel mehr Bedeutung zukommen.

Bei der „Architekturzeit“ am Freitag, 16. Juli, steht zur Diskussion, wie das Leben in der Innenstadt fernab der Monostruktur „Einkaufen“ erhalten werden kann. Auf dem Podium tauschen sich der Frankfurter Architekt und Innenstadtexperte Stefan Forster, der Ulmer Stadtplaner Volker Jescheck, Post Galerie-Manager Wilfried Loske sowie ZKM-Geschäftsführerin Christiane Riedel aus. Die Moderation übernimmt Susanne Kaufmann von SWR 2. Beginn ist um 18 Uhr in der Herrenstraße zwischen St. Stephan und Alter Bank. Bei schlechtem Wetter findet die Veranstaltung in der einstigen Hofdrogerie Carl Roth, Herrenstraße 26, statt.