Presse: „Auf die richtige Mischung kommt es an“
Badische Neuesten Nachrichten am 19. Juli 2010
„Architekturzeit“ vor St. Stephan: Experten diskutierten über die Zukunft der Innenstädte
Von unserem Mitarbeiter Marcus Dischinger
Zurück zu einer ganz normalen Innenstadt mit der richtigen Mischung aus größeren und kleineren Einzelhandelsgeschäften, Wohnen in der City, Freiräume und Plätze zum Wohlfühlen – so sieht die ideale Innenstadt aus. Jedenfalls, wenn es nach Experten geht, die am Freitagabend bei der jährlichen „Architekturzeit“ der Architektenkammer Karlsruhe über künftige Funktionen und Aussehen der Innenstädte diskutierten – mitten im Herz der City.
Den Veranstaltern war vor allem der Blick von außen auf die Fächerstadt wichtig. Deshalb hatten sie den Frankfurter Architekten Stefan Forster und Volker Jescheck, den Leiter des Ulmer Stadtplanungsamts, eingeladen. Hinzu kamen die Geschäftsführerin des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM), Christiane Riedel sowie Eduard Peltzer, Geschäftsführer von Spielwaren Doering. Ort des Geschehens war der erst vor wenigen Jahren umgestaltete Platz bei St. Stephan – einst ein schnöder Parkplatz, der heute als attraktiver Spielplatz zum beliebten Treffpunkt von Familien mit Kindern geworden ist.
„Einzelhandel ist nach wie vor das zentrale Motiv, in die Innenstadt zu kommen“, so Volker Jescheck aus Ulm, „aber es ist eben nicht alles.“ Es müsse zusätzliche Gründe dafür geben, „einen Haufen Geld für das Parkhaus“ auszugeben, meinte der Stadtplaner. Dabei gehe es auch um Gastronomie und kulturelle Angebote. Ebenso müsse Wohnen verstärkt ermöglicht werden. Hier seien die Kommunen gefragt, indem sie sich Grundstücke sicherten. Dies sei eine langfristige Aufgabe.
„Umgestaltung nicht den Investoren überlassen“
Den „Einkaufstunnel“ der Städte und die daraus resultierende Monostruktur bemängelte auch Christiane Riedel vom ZKM. „Wir müssen uns auch nicht wundern, wenn die Leute durch die Fußgängerzonen schießen.“ Die Menschen könnten also nicht bloß als Einkaufseinheit gesehen werden. Die Umgestaltung der Innenstädte, die auch in Karlsruhe derzeit stattfinde, dürfe man nicht einfach Investoren überlassen. Auch vor Leerständen dürfe man keine Angst haben. „Das kann auch eine Chance sein, wenn man Kreative ranlässt.“
Die Filialisierung des Einzelhandels beklagt Eduard Peltzer, der nun in der sechsten Generation ein Spielwarengeschäft in der City führt. Für ihn ist klar, dass der „Verkaufskuchen“ nicht größer werden wird in den kommenden Jahren und versucht deshalb, mit exzellenter Beratung den Kundenstamm zu halten und zu erweitern. Erschwert werde dies momentan durch eine „Massierung von Baustellen“. Gleichzeitig lobte er die mit der Karlsruher Schieneninfrastrukturgesellschaft gefundenen Vereinbarungen für Einzelhändler, die infolge der Bauarbeiten für die Kombi-Lösung Einbußen haben könnten.
Fast schon das „Enfant terrible“ des Abends war Architekt Stefan Forster, der vor allem im Bereich Wohnbau aktiv ist und für eine Rückkehr der Menschen in die Innenstädte plädiert. Deshalb tritt er für Steuerungsinstrumente der öffentlichen Hand ein, die die City wieder „menschengerechter“ machen können. Das sei auch eine klare Gestaltungsaufgabe. Bürgermeister Michael Obert sagte am Ende der Veranstaltung, Karlsruhe befinde sich derzeit „vielleicht wieder in einer Gründerphase“ – in Anspielung auf die vielen Veränderungen in der Innenstadt. „Wir müssen Instrumente finden, wie wir den Umbau der Stadt mitsteuern können.“
Veröffentlicht am 19. Juli 2010 im Bereich Architekturzeit 2010 | pe