Presse: „Wir brauchen den fruchtbaren Streit”

Badische Neuesten Nachrichten am 20. Juli 2009

Architekten setzen sich für mehr Dialog bei städtebaulichen Planungen ein

Von unserem Redaktionsmitglied Susanne Jock

„Karlsruhe plant, baut und verändert sich – reden wir darüber”, meinten die Karlsruher Architekten und widmeten die „Architekturzeit” eben diesem Dialog bei der städtebaulichen Planung, der ihrer Meinung nach noch in den Anfängen steckt. „Wir sind aber auf einem guten Weg”, konstatierte Andreas Grube, der Vorsitzende der Kammergruppe Karlsruhe-Stadt. Einen Beleg für diese Einschätzung sah er auch im großen Interesse an der „Architekturzeit”: Waren unter den zahlreichen Besuchern doch auch ein rundes Dutzend Stadträte und viele Funktionsträger aus der Verwaltung.

Baubürgermeister Michael Obert teilt das Ansinnen: „Karlsruhe braucht den Diskurs, den fruchtbaren Streit, der durchaus noch intensiver betrieben werden könnte”, sagte er in seinem Grußwort. Dass aber nicht nur in Karlsruhe Entscheidungen ohne ausreichende Kommunikation getroffen werden, darüber waren sich sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion weitgehend einig. „Wenn man den Zeitpunkt verpasst, in die Öffentlichkeit zu gehen, wird man von der Lawine rückwärts überrollt,” warnte Architekt Dieter Ben Kauffmann (Ostfildern) und wies am Beispiel „Stuttgart 21” auf „Kommunikationsfehler” hin.

Nicht ganz einig war sich die Diskussionsrunde darüber, wer denn nun die wichtigen städtebaulichen Entscheidungen trifft. „Letztendlich der Bürgermeister mit Unterstützung des Gemeinderates”, meinte Beatrice Soltys, die Fellbacher Baubürgermeisterin. Norbert Käthler, Geschäftsführer der Karlsruher Stadtmarketing GmbH, sieht eine ganze Reihe von Interessengruppen an den Entscheidungsprozessen beteiligt. „Da führt kein Weg am Dialog vorbei”, zeigte er sich überzeugt. Einen enormen Einfluss der Investoren sieht Uwe Hochmuth, der als Kämmerer und Projektleiter für Sonderaufgaben bei der Stadt an vielen Entscheidungen beteiligt war und heute Prorektor der Hochschule für Gestaltung ist. Auf die die entsprechende Frage von Susanne Kaufmann (SWR2) legte er am Beispiel des ECE-Centers Ettlinger Tor dar, dass die Verhandlungen für die Stadt oft zäh seien: „Vom begrünten Dach Dach, dass wir eigentlich wollten, sieht man heute wenig”, schildert er.

„Große Investoren verhandeln oft nicht in der gleichen Position wie die Stadt, und sie schaffen sich Verbündete in der Öffentlichkeit und bei Interessengruppen”, erklärt der frühere Kämmerer und verweist etwa auf die Stadion-Debatte. „Wenn es eine Stadt aber versäumt, frühzeitig Pflöcke einzurammen und beispielsweise öffentliche Selbstverpflichtungen abzugeben, herrscht irgendwann keine Waffengleichheit mehr”, so Hochmuth. „Es ist wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren, selber Forderungen zu stellen und ruhig einmal zu pokern”, stimmt Beatrice Soltys zu.

Konsens herrschte auf dem Podium, dass nicht bei jeder Entscheidung Bürgerbeteiligung hilfreich ist. „Man sollte die Bürger so weit einbinden, wie sie kompetent sind”, meint Norbert Käthler und plädiert vor allem für Projektarbeit. Es sei auch wichtig und richtig, sich auf Fachleute zu verlassen, meint Hochmuth.

Eine wichtige kompetente Institution ist für Architekt Kauffmann der Gestaltungsbeirat, den es in Karlsruhe seit 2006 gibt. „Wichtig ist, dass es Experten von weit außerhalb kommen, da sie eine neutrale Sicht haben”, sagt er. „Der Gestaltungsbeirat kann auch Optimierungs- und Beschleunigungsinstanz sein”, fügt Baubürgermeister Obert in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum an. Allerdings sei dessen Macht gelegentlich durch Entscheidungen der Bauherrn begrenzt. CDU-Stadtrat Tilmann Pfannkuch betonte, dass auch die Verwaltung selbst kritische Instanz sein müsse.

Weitere wichtige Bausteine für das Gelingen des Dialogs sind für Architekten Wettbewerbe, erklärte Kauffmann. „Möglichst ohne allzu einengende Vorgaben durch die Interessen städtischer Institutionen”, so Grube.